Christopher Tolkien in Le Monde (kudos to oldbadgerbrock)
Sensationen wollen verbreitet werden, was ich in diesem Falle gerne tue: Im englischen Tolkien-Unterforum hat oldbadgerbrock (Verneigung vor seiner Tolkienkenntnis im Allgemeinen und Dank für den folgenden Hinweis im Besonderen) auf einen in der Le Monde erschienenen Interview-Artikel mit Christopher Tolkien aufmerksam gemacht.
Solch öffentliche Wortmeldung von des Professors Sohn und Nachlassverwalter geschieht hochgerechnet wohl nicht viel häufiger als der Vorbeiflug des Halleyschen Kometen und verdient alleine daher ein wenig Aufmerksamkeit. Daneben kann hier jeder, der am Dualismus Buchvorlage - Adaption(en), seinem Ursprung und den Antipoden Tolkien Estate - Tolkien Enterprises interessiert ist, sein diesbezügliches Wissen erweitern bzw. aus überraschender Richtung auffrischen.
Also vergesst für ein Weilchen alle DPS, Mimimis und die Turbine-Fanboy-Slamboy-Scharmützel und führt Euch den Artikel (in gewisser Weise auch über den Ur-Ursprung von Lotro) zu Gemüte. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir zu unseren (und noch weniger zu seinen) Lebzeiten nochmals eine öffentliche Stellungnahme (von Vorworten in weiteren Veröffentlichungen aus seines Vaters Nachlass sowie von kurzen lizenzrechtsstreitbezogenen Statements einmal abgesehen) von Chr. Tolkien lesen, ist recht gering.
Das Interview an sich ist hochinteressant. Ich habe mich nach dem Erscheinen von "Die Kinder Húrins" häufig gefragt, was oder ob noch etwas an Veröffentlichungen folgen wird - denn offenbar stellt jegliche erschienene Primär-/ und Sekundärliteratur nur einen Bruchteil des Werkes von Tolkien dar.
"He also received his father's papers after the death: 70 boxes of archives, each stuffed with thousands of unpublished pages. Narratives, tales, lectures, poems of 4000 more or less complete lines, letters and more letters, all in a frightening disorder."
Man denke nur einmal an das Silmarillion an sich: Ich begreife es quasi als eine Art Chronik von Arda, bzw. Mittelerde insbesondere. Die dort geschilderten Geschichten wirken eher wie Nacherzählungen, denn wie die ursprünglichen Geschichten. Man findet dort so zum Beispiel die Geschichte von Húrin und seinen Kindern; nur eben viel kürzer. Stellt euch nun einmal vor, es würde eine Langfassung der Geschichte von Béren und Luthién erscheinen. Das wäre für mich eine Offenbarung.
Wer weiß, womöglich existieren Manuskripte oder auch nur Fragmente zu solch einem Vorhaben? Folgender Satz gibt reichlich Raum zur Spekulation:
"However, in this unlikely jumble, there was a treasure, not only The Silmarillion, but very complete versions of all sorts of legends only just glimpsed in The Hobbit and Lord of the Rings-- an almost submerged archipelago, of whose existence Christopher had been partly unaware."
Wir werden es wohl nicht erfahren, denn Christopher Tolkien ist 87 Jahre alt und - so lässt es der Artikel erscheinen - erschöpft. Meine kleine Hoffnung beruht auf dem Nebensatz, dass Tolkiens gesamter Nachlass digitalisiert werde:
"At the request of the rest of the family, nervous at this migration, the papers went back the way they had come, to the Bodleian Library, where they are currently kept and are being digitized."
Wer weiß, vielleicht wird dieses digitalisierte Archiv irgendwann der Öffentlichkeit qua Museum/Internet zugänglich gemacht, sodass es jedem möglich ist, noch tiefer in die Geschichten Ardas einzutauchen.
Interessant ist ebenfalls die Diskussion zu dem Thread im englischen Forum. Der Anlass dazu ist die Verärgerung Christopher Tolkiens über die Kommerzialisierung des Werkes seines Vaters. Neben den Filmen existiert durch Computerspiele, Tabletops, Brettspiele etc. ein riesige Merchandise-Universum, das die von J.R.R.Tolkien erschaffene Welt einmal durch den Fleischwolf drehe und (bezogen auf den Film) einen Action-Film für 15-25 Jährige zurücklasse. So manch eine Szene ist mir bei diesem Satz in den Kopf gekommen:
Legolas, wie er auf dem Schild eines Uruk-Hai die Treppe vom Klammwall heruntersurft und dabei noch einige Feinde über den Haufen schießt. Legolas, wie er den Olifanten/Mumak-Kil im dritten Teil alleine niederringt. Gimli, wie dieser rülpst, furzt und sich gemeinsam mit besagtem Elben betrinkt (Extended Version Zwei Türme). Oder aber Haldir, welcher auf einmal mit einer Elbenarmee in Helms Klamm auftaucht. Die Liste lässt sich fortsetzen und genau diese Dinge und eben mehr fanden auch Erwähnung in dem Thread.
Manche sehen Christopher Tolkien als einen verbitterten, alten Mann an, welcher dogmatisch jegliche Neuinterpretation der Werke seines Vaters verteufelt (sad old man is sad). Andere wiederum äußern Verständnis für seine Verbitterung, denn man müsse bedenken, dass Tolkien selbst Mittelerde und Arda insgesamt, mit all seinen Geschichten von der Ainulindale bis hin zum Ringkrieg zuerst für seine Kinder erfunden hatte. Sie sind mit Namen wie Nargothrond, Fingolfin und Aragorn aufgewachsen und begreifen natürlich damit Tolkiens Werke als etwas sehr persönliches. Kein Wunder, dass man über furzende Zwerge nicht gerade erfreut ist.
Im Laufe der Diskussion kommt ein Schreiberling zu folgendem Gedanken:
"The way I see it, Tolkien fandom has split in two.
The first half loves the books, studies the lore and understands it's deep meanings, or maybe even knows the language.
The other half watches the movies and enjoys other commercial things for pure and simple entertainment.
Some might belong in both halves."
Ich zum Bleistift bin erst überhaupt über die Filme in Mittelerde angekommen, habe im Folgenden den Herrn der Ringe und den Hobbit gelesen, fand diese schon viel reichhaltiger und ging irgendwann zum Silmarillion und den Sekundärwerken über. Mittlerweile erscheinen mir die Filme eher wie ein schwacher Abglanz, eine Oberfläche, an der es sich zu kratzen lohnt, denn darunter ist eine so viel reichere Welt verborgen.
Soll er, um es mal mit einem Zitat aus einem Forman-Film zu sagen, Marmor scheißen, bloß damit er seinem Heldenstatus gerecht wird?
P.S.
Ich find die Darstellung der Figuren im HDR-Film stellenweise auch arg überzogen.
Den Figuren aus dem Buch allerdings, würde ich schon dringend mal zu alten Hausmitteln wie mehr trinken und Leinsamen oder indischen Flohsamen raten. Das soll nämlich helfen wenn der Stuhl zu sehr marmorisiert.
"Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!"
(Dante Alighieri über ... "The Lord of the Rings Online")
Ja, die Absurdität unserer Zeit...
Das trifft es sehr gut.
Der "Noble Nordische Geist", wie Tolkien einmal gesagt hat, wird von dieser enormen kommerziellen Maschinerie (deren Existenz einem ja nicht einmal so bewusst ist) wörtlich angefurzt... um die Worte meines Vorposters zu nehmen.
Wie auch immer es sich äussert, dieser Spirit ist es, der Menschen immer wieder fasziniert hat angesichts Tolkiens Kosmogonie.
Ein sehr interessanter Text, auch wenn ich nicht denke, dass er auf besonders viel Verständnis stossen wird.
Wir sind meistens grenzdebile Konsumierer, der geniale Impuls einer allegorischen Weltgeschichte, wie gewaltig sie auch sei, interessiert uns oft einen sch****dreck.
No i ahië ya meril cenë Ambaressë ~
Be the change you wish to see in the world
Ja, die Absurdität unserer Zeit...
Das trifft es sehr gut.
Der "Noble Nordische Geist", wie Tolkien einmal gesagt hat, wird von dieser enormen kommerziellen Maschinerie (deren Existenz einem ja nicht einmal so bewusst ist) wörtlich angefurzt... um die Worte meines Vorposters zu nehmen.
Wie auch immer es sich äussert, dieser Spirit ist es, der Menschen immer wieder fasziniert hat angesichts Tolkiens Kosmogonie.
Ein sehr interessanter Text, auch wenn ich nicht denke, dass er auf besonders viel Verständnis stossen wird.
Wir sind meistens grenzdebile Konsumierer, der geniale Impuls einer allegorischen Weltgeschichte, wie gewaltig sie auch sei, interessiert uns oft einen sch****dreck.
jaja (ich hoffe mal Du weißt wofür das steht), Tolkien ist groß und Hengiliath ist sein Prophet
"Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!"
(Dante Alighieri über ... "The Lord of the Rings Online")
Tut mir leid, aber mich kratzt es gerade ziemlich wenig, was du über ChrT oder mich denkst (er und ich haben lustigerweise genau gar nichts miteinander zu schaffen).
Von mir aus revolutioniere Tolkiens Ideal und transformiere es in eine Amöbe mit üblen Winden, die von der Seite des Mastdarms her wehen.
(P.S.: der Islam hat in diesem Forum übrigens nichts verloren...)
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